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SCHNEEREICHE ZEITEN UND WAS UNSERE HAUSEINFAHRTEN MIT METEOROLOGIE ZU TUN HABEN

Ein Jänner wie selten ...

Datum: 01.03.2019
Autoren: ​Alexander Radlherr, Michael Winkler und Manfred Bauer, ZAMG Innsbruck
Der vergangene Jänner – und hier vor allem dessen erste Hälfte - zeigte sich von Vorarlberg bis ins Mostviertel ausgesprochen schneereich, gebietsweise erreichten die Neuschneehöhen sogar Rekordwerte. Im Folgenden wird über den Wetterablauf sowie über Kommunikation und Management einer solch außergewöhnlichen Situation aus Sicht von uns Meteorologen gesprochen. Dazwischen machen wir einen kleinen Exkurs in den Dschungel der meteorologischen Einheiten und Parameter.
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WIE ES DAZU KAM

Nachdem sich der Dezember zur Monatsmitte schon ziemlich winterlich zeigte, folgten mit einer milden Strömung aus West bis Nordwest pünktlich das klassische Weihnachtstauwetter und anschließend ein paar ruhige Tage unter Hochdruckeinfluss.

Mit 30. Dezember etablierte sich schließlich eine Nordwest- bis Nordlage über Europa, und diese sollte uns dann tatsächlich zweieinhalb Wochen erhalten bleiben. Die Positionen des mit subtropischer Luft gefüllten Azorenhochs, welches seine Fühler zeitweilig bis zu den Britischen Inseln ausstreckte, und des kalten Tiefdrucktrogs über der Osteuropäischen Ebene erwiesen sich als sehr stabil.

Zwischen diesen beiden steuernden Druckgebilden führte die stürmische nordwestliche bis nördliche Höhenströmung anhaltend feuchte Luft gegen die Alpennordseite. Zudem waren darin zahlreiche kleine Tiefdruck- bzw. Frontensysteme eingelagert, die neben anhaltenden Schneefällen im Stau für besonders niederschlagsintensive Phasen (2.-3., 4.-6., 8.-10. und 13.-15. Jänner) und zeitweiliges Übergreifen der Niederschläge bis knapp südlich des Alpenhauptkammes sorgten.
Insgesamt überquerten von 30.12. bis 15.01. gezählte 11 Fronten die Ostalpen.


ERSTER EXKURS: NEUSCHNEE VERSUS SCHNEEHÖHE

Viele Leute nehmen an, dass nach einem Meter Neuschnee genau ein Meter Schnee liegt. So einfach kann aber nicht geschlussfolgert werden, vor allem, wenn sich der Neuschnee auf mehrere Tage aufteilt. Setzung heißt hier das Stichwort:
Sobald Schnee den Boden erreicht, setzt er sich, d.h. er wird komprimiert, und sein Volumen – also seine Höhe – nimmt ab.
Schuld daran sind in erster Linie sein Eigengewicht, welches auf die filigrane Struktur der Schneekristalle wirkt und diese zusammendrückt, sowie die Faktoren Temperatur (umso milder desto mehr Setzung) und Zeit (umso länger desto mehr Setzung).

Um Regelmäßigkeit und Vergleichbarkeit zu wahren, werden Neuschnee und Schneehöhe an meteorologischen Beobachterstationen täglich um 7 Uhr Früh gemessen:
Neuschnee wird auf einem Brett, das bei jeder Messung mit einem Besen abgekehrt und wieder auf die
Schneeoberfläche gelegt wird, ermittelt.
Die Messung der Schneehöhe erfolgt üblicherweise mit einem simplen Meterstab, idealerweise auf einer Wiese.
An automatischen Wetterstationen bekommt man heutzutage nahezu in Echtzeit mit Ultraschall- oder Lasermessgeräten ermittelte Werte der Schneehöhe. Aber Achtung: der Parameter Neuschnee ist mit diesen Methoden nicht zu erfassen, sondern nur eine Änderung der Schneehöhe!

Am besten werden sich den Unterschied zwischen Neuschnee und Schneehöhe jene Menschen vorstellen können, die täglich zur Schneeschaufel greifen müssen, um ihre Einfahrt vom Schnee zu befreien: Die Schneemenge, die hier täglich weggeschaufelt werden will, entspricht der Neuschneemenge. So manche werden in der vergangenen Schneefallperiode aufsummiert zwei bis drei Meter oder sogar noch mehr Neuschnee weggeschaufelt haben. Die per Meterstab im Garten ermittelten Schneehöhen werden aber nur gebietswiese die Metermarke deutlich überschritten haben – Setzung sorgt hier für einen stetigen Rückgang der Schneehöhe analog zur stetigen Zunahme der Schneedichte.

… DIE RESULTATE

Zurück zum Schneefallereignis! Die Resultate lassen sich recht kurz zusammenfassen: entlang der gesamten Alpennordseite große Neuschneesummen. Teilweise wurden bestehende Rekorde geradezu pulverisiert, insbesondere in Lagen oberhalb von 800 bis 1.000 m, wo der Regenanteil am Gesamtniederschlag recht gering war. Dort kamen aufsummiert oft zwischen drei und fünf Meter Neuschnee zusammen, was zu maximalen Schneehöhen von meist ein bis knapp zwei Metern führte.
Die akkumulierten Summen über 17 Tage betrugen etwa in Warth 395 cm (10-jährliches Ereignis), in Seefeld 372 cm (Rekord, >100-jährlich), in Hochfilzen 521 cm (Rekord, >100-jährlich) und in Bad Mitterndorf 373 cm (Rekord, >100-jährlich).
Im Gebirge waren die Schneemengen naturgemäß sogar noch größer: so stieg die Schneehöhe beispielsweise auf der Seegrube oberhalb von Innsbruck von ziemlich genau 1 m am 29.12. auf 4,4 m am 15.01. an.
Für diese Schneehöhenänderung sorgten aufsummierte tägliche Neuschneehöhen von 8,5 m während dieser Phase.
Mittlerweile (Stand Anfang Feber) ging die Schneehöhe aufgrund von Setzung trotz wiederholter kleinerer Schneefälle auf rund 3,5 m zurück: Masse und Dichte der Schneedecke nahmen zu, die Schneehöhe hingegen ab.
ZAMG ZAMG ZAMG

KRITISCHE LAWINENGEFAHR – UND WIE LIEF DIE KOMMUNIKATION AB?

Aus kritischen Starkschneefällen des vergangenen Jahrhunderts wurden viele Lehren in Hinsicht Prävention und Kommunikation im Falle von massiven winterlichen Wetterlagen gezogen.
Die Zusammenarbeit zwischen Wetterdienst, Lawinenwarndienst, Zivil- und Katastrophenschutz und den Einsatzkräften
war diesmal absolut beispielhaft.
Zu den wesentlichen Kommunikationszweigen gehört dabei das tägliche Telefonat zwischen der ZAMG Wetterdienststelle in Innsbruck und dem Lawinenwarndienst Tirol. Mit der Umstellung des Lawinenlageberichtes auf eine Vorhersage für den Folgetag im Rahmen des Euregio-Projektes ALBINA gewann dieser Austausch noch an Bedeutung. Daneben gibt es über die LWDKIP-Plattform eine Vielzahl an Wetterprodukten, die den Lawinenkommissionen direkt zugänglich sind, um ihre verantwortungsvolle Arbeit zu unterstützen.

Die Serie an Schneefällen in der ersten Jännerhälfte hatte zur Folge, dass sich die Lawinengefahr auf den Bergen nach und nach verschärfte. Gleich dreimal hintereinander führten Starkschneefallperioden dazu, dass auf der ZAMG-Homepage die höchste Warnstufe (rote Schneewarnung) ausgegeben wurde und auch dreimal eine Starkschneefallwarnung (> 1 Meter Neuschnee) für das Gebirge den Entscheidungsträgern in den Kommissionen und der Landeswarnzentrale übermittelt wurde.

In diesem Zeitraum gab es in der Abteilung Zivil- und Katastrophenschutz wiederholt Lagebesprechungen, an denen ab 11.1. täglich auch die ZAMG vertreten war. Wiederholt waren dabei auch Landeshauptmann Günther Platter und LH-Stv. Josef Geisler anwesend.
Mit der gebietsweisen Erhöhung auf die höchste Lawinenwarnstufe 5 am 14.1.2019 nahmen an der Lagebesprechung mehr als 30 Experten, Vertreter der Landesinstitutionen und diverser Einsatzorganisationen teil.
Zeitweise war dabei die gesamte Landesregierung anwesend, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Zum Glück kam es trotz dieser Rekordschneemengen zu keiner Katastrophe. 


SCHNEELAST – ALLES GUTE KOMMT VON OBEN?

Ein Thema wurde bzw. wird zunehmend auch die Schneelast (Gewicht des Schnees, welches auf den Untergrund wirkt) auf Gebäuden. Dächer, Carports etc. sollten vorschriftsmäßig nach der so genannten Schneelastnorm gebaut werden. Demnach müssen sie eine definierte Last (angegeben in Kilonewton bzw. Kilogramm pro Quadratmeter) tragen können, ohne sich zu verformen bzw. einzustürzen. Die Normwerte für die Schneelast berechnen sich einerseits aus definierten Schneelastzonen (Unterscheidung schneearme/ schneereiche Regionen) sowie zusätzlich nach Seehöhe und können für jeden Ort unter 1.500 m Seehöhe abgefragt werden (für höher gelegene Standorte benötigt es eigene Expertengutachten, etwa der ZAMG).
 

Sowohl die ZAMG als auch die Hydrographischen Dienste führen regelmäßig Messungen zur Schneelast durch, um die Situation einschätzen zu können.
Sollte man mit eventuell problematischen Schneelasten am Wohnort konfrontiert sein, ist es durchaus empfehlenswert,
bei der ZAMG eine Messung in Auftrag zu geben!
So erhält man über die tatsächliche Situation und unter Umständen nötige Maßnahmen Gewissheit. Vor allem in einem Streifen vom Seefelder Plateau über den Oberpinzgau bis ins Mariazellerland sind die Werte der, seit 2006 gültigen, Norm gebietsweise schon zu 80 bis 110 % erreicht bzw. überschritten. Die aktuellen Werte übertreffen die 1983 bis 2006 gültige Norm sogar schon um bis zu 40 % bzw. 120 kg/m² (Stand: 04.02.2019)!

Je nach Witterungsverlauf und Seehöhe kann im Siedlungsraum noch bis Ende Februar/ Anfang März (in höheren Lagen) eine Massenzunahme der Schneedecke erfolgen, auch wenn sich diese nicht unbedingt in noch größeren Schneehöhen niederschlägt – näheres dazu in „Exkurs zwei“. Aufgrund dessen wird es mancherorts nötig sein, Dächer abzuschaufeln. Vorsicht: hier ist unbedingt anzuraten, sich von Experten unterstützen zu lassen! Eine unsachgemäße Vorgangsweise kann zu Abstürzen und ernsthaften Personenschäden führen!


EXKURS NUMMER 2: WIRD SCHNEE SCHWERER, WENN ER WÄRMER WIRD?

Nein. Und zwar ein klares nein. Auch dieser Exkurs führt wieder zu unseren fleißigen Schneeschauflern in den morgendlichen Einfahrten. Herr Otto Normalverbraucher stellt fest, es hat über Nacht 15 Zentimeter lockeren Pulverschnee geschneit. Er begibt sich voller Tatendrang vor die Haustüre und räumt seine Einfahrt frei. Die Schaufel lässt sich dabei mit großer Leichtigkeit schwingen, fast würde ein Besen zur Schneeräumung ausreichen. Der Tag verläuft trocken und die Sonne sorgt für Erwärmung. Der Schnee wird feucht, rinnt jedoch noch nicht davon. Da der Herr Nachbar im morgendlichen Stress keine Muße zur Schneeräumung hatte, muss er diese Aufgabe am Nachmittag erledigen. Das Heben der Schneeschaufel ist allerdings bedeutend anstrengender, obwohl nur noch 5 Zentimeter Schnee in seiner Einfahrt liegen.
Hat der trockene Schnee die Feuchtigkeit wie ein Schwamm aus der Luft gesaugt und somit die Wolken aufgelöst?
Nein. Der Schnee hat sich gesetzt und dieselbe Masse nimmt nur noch ein Drittel des ursprünglichen Volumens ein – somit ist jede gefüllte Schneeschaufel dreimal so schwer wie noch in der Früh.

Der Schnee änderte also während des Tages zwar seine Mächtigkeit (wurde kleiner) und seine Dichte (wurde größer), nicht aber seine Masse! Massenzuwachs gäbe es nur bei weiterem Schneefall oder Regen, der in der Schneedecke gespeichert wird. Mit einer Abnahme der Masse wäre hingegen dann zu rechnen, wenn Schnee zu Wasser schmilzt und dieses am Boden aus der durchnässten Schneedecke rinnt, also etwa bei klassischem Tauwetter.

Es bleibt die Hoffnung, dass uns heuer keine extremen Schneefälle mehr betreffen und die Schneelastproblematik im Rahmen bleibt. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern jedenfalls noch einen schönen und krisenfreien „Restwinter“.
 

Kategorie:     ALPINFORUM

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