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Höhenkrank auf Reisen © Lanzanasto

GIPFELSIEG OHNE BLEIBENDE SCHÄDEN

12.07.2018
Autor: Höhenmediziner Dr. Christian Pegger
Ein Aufstieg in große und extreme Höhenlagen (ab 2.200 - 2.400 m Seehöhe) führt unweigerlich zu Einschränkungen zahlreicher Organfunktionen. Dabei können Schwindel, Herz- und Atemstörungen, Bewegungsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit entstehen. Dies hält allerdings zahlreiche Menschen - zur Verwunderung der Restbevölkerung - nicht davon ab, trotzdem den Aufstieg in die Höhe zu wagen.
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WAS PASSIERT MIT MEINEM KÖRPER IN DER HÖHE? 

Damit Höhenbergsteiger dieses Restrisiko so klein wie möglich halten, gilt der Leitsatz:
„Je langsamer man sich in die Höhe begibt, desto eher ist ein Überleben bzw. der Gipfelsieg ohne bleibende Schäden möglich.“
Bei einem adäquat langsamen Höhenanstieg besteht für unseren Körper die Möglichkeit der Teilanpassung, das heißt zumindest soweit, dass ich mich kurzfristig in extreme Höhen wagen kann. Bereits oberhalb von 1.500 m Seehöhe beschleunigt und verstärkt die immer „dünner“ werdende Luft (Sauerstoffmangel, auch Hypoxie genannt) die Atmung in Ruhe und vor allem unter Belastung. Diese schrittweise Anpassung der Atmung (Hypoxic Ventilatory Rate, kurz HVR genannt) garantiert uns bis etwa 7.500 m einen tolerablen Leistungserhalt und ist für unser Überleben unverzichtbar. Denn nur diese Atemanpassung (HVR) sichert die Sauerstoffversorgung des Organismus.
Der Zeitbedarf für eine solide Atemanpassung an extreme Höhen liegt allerdings bei bis zu 1 Monat und darüber!
Im Detail erfolgen zur Verbesserung der Sauerstoffversorgung der Organe unter Hypoxie neben einer Atemfrequenzhebung noch weitere dynamische Vorgänge in unserem Körper: die Herzfrequenz steigt und es kommt zu einer Zunahme der roten Blutkörperchen, was zu einer Verbesserung des Sauerstofftransportes im Blut führt.


WIE LANGE DAUERT DIE AKKLIMATISIERUNG?

Die Dauer des Akklimatisationsvorganges ist genetisch individuell unterschiedlich und hängt neben dem Höhenprofil vom Gesundheitszustand, nicht jedoch vom Leistungszustand der Person ab. Die Akklimatisierung erfolgt stets stufenweise: hat man sich auf eine bestimmte Höhe akklimatisiert und steigt weiter auf, so beginnt der Anpassungsprozess von Neuem.
 
Eine dauerhafte Akklimatisation ist nur bis etwa 5.500 m Seehöhe möglich.
Ab 5.500 m entscheidet ein schnellstmöglicher Auf- wie Abstieg über das Erreichen des Zieles und somit wird
der Leistungszustand zum limitierenden Faktor für Expeditionen.
Für klassische Trekkingunternehmungen in Höhen bis 5.500 m Seehöhe reicht jedoch ein "solider" Leistungszustand aus.
Höhenrelaxzone © Praxis Dr. Pegger Alpin- und Höhenmediziner © Praxis Dr. Pegger Höhenverträglichkeitstest © Praxis Dr. Pegger


WIE KANN ICH MICH VORBEREITEN?

Körperliche Leistungsfähigkeit und Höhenakklimatisation sind zwei voneinander völlig unabhängige Faktoren.

Ein solider Ausdauertrainingszustand ist allerdings nach erfolgter Akklimatisation leistungsbestimmend. Ein individuell gesteuertes Trainingsprogramm ist daher unverzichtbar. Dabei stehen mindestens 3 - 5 Stunden Nettotrainingszeit pro Woche  mit einer Intensität zwischen 50 - 80 % der Maximalleistung, die im Idealfall zuvor in einer Diagnostik bestimmt wurde, am Programm. Zusätzlich wird aus höhen- und sportmedizinischer Sicht derzeit mindestens 2 x wöchentliches Kraft- und Koordinationstraining empfohlen.

Mehrtägige Aufenthalte über mindestens 2.200 m Seehöhe bis kurz vor der Abreise können bewirken, dass das Auftreten einer Höhenerkrankung reduziert bzw. gemildert wird (natürliche Form der Anpassung). Eine künstliche Vorakklimatisierung (mithilfe eines sogenannten Höhenzeltes oder Höhenraumes) ist aber nach unserer persönlichen Meinung und nach 10 Jahren beruflicher Erfahrung eine klar vertretbare Alternative. Vor allem für all jene, die sich aufgrund Zeitmangels nicht mehrtägig in unseren Alpen aufhalten können bzw. in der Vorbereitung dem Witterungsfaktor aus dem Weg gehen möchten, kann diese Form der Vorakklimatisierung durchaus gewinnbringend sein.
 

WAS SOLLTE IN DER HÖHE UNBEDINGT VERMIEDEN WERDEN?

Wichtigster Sicherheitsfaktor einer optimierten Höhenanpassung ist der Faktor Zeit. Drei Grundregeln sollte der Höhenbergsteiger daher niemals vergessen und strikt befolgen:
  • nicht zu schnell zu hoch steigen
  • keine Anstrengungen über den persönlichen Kompensationspunkt
  • sowie eine möglichst niedrige Schlafhöhe pro Akklimatisationsvorgang.

Die Jo-Jo Taktik des Aufstiegs richtet sich natürlich nach dem Höhenprofil des Berges und sollte zumindest im Vorfeld „grob“ abgesteckt werden.
Handbuch für Trekking- und Höhenmedizin - Berghold/Gieseler/Schaffert - 8. Auflage 2015 Handbuch für Trekking- und Höhenmedizin - Berghold/Gieseler/Schaffert - 8. Auflage 2015 Handbuch für Trekking- und Höhenmedizin - Berghold/Gieseler/Schaffert - 8. Auflage 2015


ERSTE HINWEISE AUF HÖHENKRANKHEITEN

Wer sich also oberhalb seiner individuellen Akklimatisierungsschwelle (zwischen 2.000 - 3.000 m Seehöhe) nicht wohl fühlt, ist bis zum Beweis des Gegenteils als höhenkrank einzustufen. Die Beschwerden der Höhenerkrankungen können sehr unterschiedlich zusammengesetzt sein, drei Symptome weisen aber bereits darauf hin:
  • das Auftreten und Anhalten von Kopfschmerzen,
  • eine entstehende Gangunsicherheit
  • sowie ein plötzlicher Leistungsabfall.


MEDIKAMENTE GEGEN HÖHENKRANKHEIT?

Bei vernünftiger Planung der Höhenunternehmung und ohne ein individuelles vorgenanntes Höhenrisiko sollte grundsätzlich auf eine medikamentöse Unterstützung verzichtet werden. Zum Einsatz vor oder während der Höhenexposition kommende Medikamente sind zudem
insofern als gefährlich anzusehen, als dass sie bei unspezifischen Beschwerden (möglichen ersten Anzeichen einer Höhenerkrankung) nicht oder nicht rechtzeitig abgesetzt werden. In diesem Fall können die Medikamente die weitere Entwicklung der Höhenerkrankung sogar negativ beeinflussen.

- Dauermedikamente sollten weiterhin eingenommen werden. Zum Beispiel sollten Schilddrüsenunterfunktionspatienten für einen
  Höhenaufenthalt sogar eine geringfügige Steigerung der Dosierung in Betracht ziehen.

- Im  Vorfeld gäbe es DIAMOX - diese greift ursächlich in den Säure-/Basenhaushalt ein, kann aber auch die weitere Entstehung einer schweren
  Höhenerkrankung „verbergen“. Es wird unisono von Experten davon abgeraten, Ausnahme sind z.B. notwendige Höhenarbeiten.

- Im akuten Behandlungsbedarf in der Höhe ist nachwievor das Kortison über den Mund 1. Wahl, wobei auch Kalziumantagonisten (z.B. Nifedipin)
  oder Theophyllin  bzw. Medikamente, die den möglichen Lungenhochdruck senken (wie z.B. Sildenafil = (r)Viagra) eine Rolle spielen und
  angewendet werden.  

 
In der Akutbehandlung der Höhenerkrankung ist diese Thematik zwar ganz anders zu sehen, der wichtigste Faktor bleibt dabei aber immer die Sauerstoffzufuhr (mittels Zufuhr oder Überdrucksack) sowie der Abstieg, der nie alleine erfolgen sollte. Mehr über Dosierung und genauere Anwendung beim Vortrag von Dr. Pegger auf der Alpinmesse.
Höhentraining © Praxis Dr. Pegger Heile Welt © Praxis Dr. Pegger Medikamente gegen Höhenkrankheit © Praxis Dr. Pegger


BELEUCHTUNG DES BOOMENDEN HÖHENTOURISMUS

Wider Erwarten und regelmäßiger Medienberichte über eine Zunahme der Todesfälle in extremen Höhen,
ist dies statistisch gesehen nicht der Fall!
Da es den Höhentouranbietern fern gelegen ist, über Todesfälle in ihrer Unternehmung berichten zu müssen, werden die Sicherheitskonzepte
stets aktualisiert. Die Logistik wird verbessert, das Equipment besser gewartet, neueste Ausrüstung verwendet und sogar höhenerfahrene Ärzte als Begleitpersonen miteinbezogen, sodass gerade durch den Höhentouranbieter heutzutage schneller professionelle Hilfe vor Ort geleistet werden kann.
 
Eine hier unbeantwortet bleibende Frage ist:
Warum möchte jeder nach dem Motto „noch höher, noch weiter, noch schneller“ und „auf Biegen und Brechen muss unbedingt der Gipfelsieg her“ eine extreme Höhentour beschreiten?
Sogar wenn einem aus ärztlicher Sicht aufgrund bekannter, und aus einer Voruntersuchung zu Tage kommender individueller Risiken davon abgeraten wird, möchten trotzdem zahlreiche Bergsteiger eine extreme Höhentour beschreiten. Oftmals muss dann genau für diese Personen eine
notwendige Rettungsaktion initiiert werden, deren Mitglieder dadurch selbst wieder in Gefahr geraten.
In diesem Sinne wünsche ich mir für alle höhenbegeisterten Mitmenschen das richtige Maß an Selbsteinschätzung und Demut vor den Höhen unserer Berge.

Kategorie:    ALPINFORUM

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Fotos © Lanzanasto, Simon Rainer, Praxis Dr. Pegger, Regina Sterr, Christophorus Flugrettungsverein, Österreichischer Alpenverein
 
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