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Bergrettung_Nik Burger

BERGRETTUNG - QUO VADIS?
Thesen und Überlegungen eines ehrenamtlichen Bergretters.
 

Bergrettung quo vadis? Diese Fragestellung ist virulent. Gegenwärtig ist die Bergrettung, so der Eindruck in Gesellschaft und Politik. Eine in sehr hohem Maße flexible, besonders innovative und äußerst motivierte Allzweck-Waffe und Spezialeinheit in der Daseins- und Gesundheitsvorsorge, weit über den eigentlichen Einsatz im Hochgebirge hinaus. Es wäre vermessen und marktschreierisch, die zukünftige Entwicklung der Bergrettung zu prognostizieren. Aber zwei richtungsweisende Entwicklungen sind auffällig und regen zum Nachdenken an.

Datum: 20.11.2019
Autor: Dr. Klaus (Nik) Burger, Bad Reichenhall, Berg- und Flugretter, Einsatzleiter und Regionalleiter in der Bergwacht Bayern
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BERGRETTUNG ALS DIENSTLEISTUNG BEI ZUNEHMENDER ERWARTUNGS- UND ANSPRUCHSHALTUNG

Deutlich spürbar ist die zunehmende Erwartungs- und Anspruchshaltung: Bergrettung als mitunter selbstverständliche Dienstleistung zu jeder Zeit, in jedem Gelände und bei jedem Wetter, zu erbringen von denjenigen, die die Versorgungsstruktur festlegen, von denjenigen, die die Kosten übernehmen und insbesondere von den ehrenamtlichen Bergrettern, die ausrücken. In nicht wenigen Fällen zeigt sich: Der Notruf 112 ist eine kalkulierte Kraftreserve der alpinen Selbstverwirklichung. Freilich gibt auch das Gesetz im Falle eines Notrufs vor: Es soll stets das am schnellsten verfügbare geeignete Einsatzmittel alarmiert werden[1]. Die Praxis zeigt in Konsequenz: Bergrettung heute ist, wenn fliegerisch möglich, zunehmend Flugrettung. Die Zahlen der alpinen Luftrettung in Bayern steigen kontinuierlich. Bei Verdacht auf lebensbedrohliche Lagen und dem vorgegebenen Notarztindikationskatalog ist die Luftrettung nahezu Mittel der Wahl.

Bei Krankheit oder Verletzung übernehmen in Deutschland die Krankenkassen regelmäßig die Kosten. Im Falle hilfloser Lage ohne Verletzung oder Erkrankung helfen die Privatversicherungen, die mittlerweile nahezu Standard sind und unter anderem als Alpiner Sicherheits-Service (ASS) werbewirksam als weltweiter Rund-um-die Uhr-Schutz in Hochglanz beworben werden. Das finanzielle Risiko ist mithin gut überschaubar.
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Die Rettungsketten funktionieren gut, und die Zeitintervalle von der Alarmierung bis hin zur Übergabe an den Landrettungsdienst sind deutlich verkürzt. Hoch motivierte und bestens ausgebildete ehrenamtliche Bergretter rücken aus, die Bergrettung ist als funktionierende Dienstleistung bekannt und bewährt. Der mediale Rummel um die länderübergreifende Rettung des letztlich erfolgreichen schwerverletzten Höhlenforschers aus dem Untersberg-Riesending katapultierte die Bergrettung unserer Alpenländer weltweit in den medialen Orbit.
Auch wenn die relativen Unfallzahlen gemessen an der kontinuierlichen Zunahme von Bergtouristen bis dato nicht steigen, so beobachten wir zumindest in Bayern einen signifikanten Anstieg von Alarmierungen in den Sommermonaten. Was sind die Ursachen hierfür? Eine belastbare wissenschaftliche Einschätzung erfordert eine repräsentative Tatsachen-Grundlage, vornehmlich eine alpinfachliche, medizinische und psychologische, auch soziologische Auswertung der Alarmierungen auf Daten- und Interview-Basis. Diese liegt aktuell nicht vor. Meine persönlichen Erfahrungen aus 45 Jahren in den Bergen und vielen Bergrettungseinsätzen deuten indikativ unter anderem auf Folgendes hin:
 
  • Die gesunde Selbsteinschätzung der Bergtouristen nimmt tendenziell ab. Indizien hierfür sind die Notruf-Indikationen, mithin die Zunahme von sogenannten Blockierungen. Der digitalen Routen- und Wege-Welt wird manchmal erschreckend blindlings gefolgt. Möglichkeiten des Trockentrainings wie in Kletterhallen vermitteln mehr als nur vereinzelt ein trügerisches Gefühl für alpine Fähigkeiten.
  • Die Alarmierung ist leicht gemacht, der Griff zum Handy genügt.
  • Das finanzielle Risiko einer Bergrettung ist minimiert.
  • Bedingt durch Tourismus und dem Ausbau von Infrastruktur auch in alpinen Regionen erfolgt der Übergang in die wilde Natur für Viele oft unbemerkt, ohne Zaun und Schilder, mithin abrupt.
​Quellen: [1] § 4 Abs. 1 Satz 1 AVBayRDG. ABek 2.1.3 Satz 2.

ZUNEHMENDE PROFESSIONALISIERUNG, SPEZIALISIERUNG UND TECHNOLOGISIERUNG

Hochmoderne Technologie wie Drohnen mit Wärmebild-Kamera oder sogenannte IMSI-Catcher (International Mobile Subscriber Identity) zur Handyortung ermöglichen in vielen Einsatzszenarien effektive Lagedarstellung und Ortung. Satelliten-Telefone unterstützen den gut eingerichteten Digital- und Analogfunk. GPS-Tracker für Einsatzkräfte optimieren mit Bewegungsmustern die Analysen in der Einsatzzentrale. Das digitale Daten-Tablet mit umfangreicher Software wie Regen-Radar und Reality 3D Maps ist Standard in der Einsatzleitung. Mobile Technologie dringt tief in das alpine Gelände vor. Kurzum: Dem reinen alpinen Nordwand-Kameraden gehört nicht die Zukunft. Spezialkräfte wie Flugretter, Höhlenretter, Canyon-Retter, Lawinenhundeführer, Kriseninterventionskraft, Techniker, Bergrettungsnotarzt, Einsatzleiter und Fachausbilder sind gefragt und Dienstleister besonderer Art wie unter anderem Finanzbeauftragte, Pressesprecher, Prüfer für persönliche Schutzausrüstung, Medizinprodukte-Kontrolleure und nun wohl auch Hygienebeauftragte sind wegen der vielfältigen und anspruchsvollen Einsatzszenarien zwangsläufig.

BERGRETTUNG - WIE GEHT ES WEITER?

Was bedeutet die Entwicklung für die Zukunft der ehrenamtlichen Bergrettung? Welche Konsequenzen drohen? In tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht? Bergrettung als hoch-professionelles, aber zugleich ehrenamtliches Rund-um-die-Uhr-Sorglos-Paket für den Bergwanderer und Bergsteiger?

Nur so viel: Bergrettung ist nicht allein Patientenwohl. Bergrettung ist Zusammenhalt und soziale Verbundenheit, mithin gesellschaftliches Fundament und alpine Kultur (Beistand in der Not). Ehrenamt und Beruf, Familie und Freizeit müssen vereinbar bleiben. Bergrettung ist breite alpine Verwendung, behelfsmäßiges Zurechtkommen in nahezu jeder Situation, Professionalität, aber und gerade auch Kameradschaft, Beistand untereinander in jahrelang gelebter Gemeinschaft.

Kurzum: Bergrettung ist auch und insbesondere der Fürsorge verpflichtet, der Einsatzkräfte und Bergretter-Gemeinschaft, ob jung oder alt. Nur wenn dies beherzigt wird, kann und wird die Bergrettung auch langfristig das bleiben, was sie heute ist und leistet.
Und aus bayerischer Sicht: Zur ehrenamtlichen Bergrettung gehört auch die Beteiligung an der professionellen Flugrettung, vom Mitflug bis hin zur Winden- oder Taubergung. Dies hat sich sehr gut bewährt. Eine Entkoppelung der Flugrettung von der Bergrettung ist jedenfalls in Bayern aus Sicht der ganz überwiegenden Mehrzahl der ehrenamtlichen Bergretter nicht vorstellbar.

Kategorie: ALPINFORUM

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Fotos © Klaus (Nik) Burger
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